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Montag, 23 Oktober 2017
 
 
Projektreise März 2008 PDF Print E-mail

Projektbesuch von Gisa Hartmann und Claudia Walther, März / April 2008

Feldforschung in Anhui – Ein Besuch beim AIDS-Waisen Projekt

Ende letzen Jahres ergab sich für uns eine interessante Möglichkeit für unsere Magister- bzw. Diplomarbeiten: Die Organisation Save the Children (SC) in Anhui, mit deren Hilfe die AIDS-Waisenhilfe China e.V. ihr Projekt unterhält, schlug eine Evaluation der bisher geleisteten Arbeit vor. Ob nicht vielleicht Studenten bei uns am Institut interessiert wären? Klar waren wir interessiert, auch wenn wir anfangs nicht ganz sicher waren, was da auf uns zukommt.

Es begann mit dem Aushandeln der Rahmenbedingungen, die unter anderem den Zeitraum und die gegenseitigen Anforderungen festschrieben. Glücklicherweise standen uns Christine Winkelmann und Bettina von Reden von Anfang an bei allen Fragen und organisatorischen Dingen mit ihrem gewohnten Enthusiasmus zur Seite. Durch Christines Kontakte konnte sie einen kleinen Workshop mit Herrn Professor Seibel von der Arbeitsstelle für Entwicklungsländerforschung der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln organisieren, der uns wertvolle Tipps aus seiner eigenen Feldforschungserfahrung geben konnte. Und dann begann die Einarbeitung. Als aller erstes mussten wir uns darüber klar werden, was wir eigentlich herausfinden wollten und mit welchen Methoden wir die entstandene Fragestellung am besten beantwortet bekommen würden. Wir entschieden uns für qualitative Interviews mit einigen der vom Verein unterstützen Kinder und nach Möglichkeit ihren Erziehungsberechtigten und Lehrern, sowie Angehörigen des Frauenverbandes und des Bildungsamtes. Letztere sind beide lokale Partner der AIDS-Waisenhilfe und SC.

jpgInsgesamt hatten wir sechs Wochen in China eingeplant. Eine Woche in Peking zum Akklimatisieren, Freunde besuchen und letzte Vorbereitungen treffen. Daran sollten sich, je nach Situation vor Ort, drei bis vier Wochen Feldstudie anschließen, die restliche Zeit hatten wir uns offen gelassen um je nach Bedarf und Möglichkeit Vertreter anderer NGOs oder internationaler Institutionen treffen zu können. Nach einigem organisatorischen Hin und Her ging es mit dem Nachtzug in die Zentrale von SC Anhui nach Hefei. Empfangen wurden wir von der dortigen Leiterin des Büros und der Hauptansprechpartnerin für die AIDS-Waisenhilfe, Shi Yu, die uns einen Überblick über die bisherige Entwicklung des Projektes und die lokalen Gegebenheiten gab. Zusätzlich durften wir uns in der umfangreichen Bibliothek austoben und fanden viel interessantes Material. Wir hatten anderthalb Tage im Büro in Hefei eingeplant, aber als ein schwerer Stromausfall am zweiten Tag das gesamte Büro lahm legte nutzten wir die Zeit um die Stadt ein wenig zu erkunden.

Die Weiterfahrt nach Fuyang dauerte nur drei Stunden. Das war auch gut so, denn wir hatten keine Sitzplätze mehr sichern können und durften so mit Sack und Pack und einer großen, interessierten Menge Chinesen zwischen den Abteilen auf dem Gang stehen. Am Bahnhof holte uns He Yao ab, Leiterin des Projektbüros in Fuyang, und brachte uns zu unserem Hotel, in dem wir uns die nächsten drei Wochen ein Zimmer teilen sollten. Danach haben wir in guter chinesischer Manier eine erste Einführung in die lokalen Köstlichkeiten bekommen. In Fuyang ist man stolz auf die Qualität des Mehls, somit sind Nudelgerichte und Fladen sehr beliebt. Außerdem eine Art Suppe/Eintopf aus mit Mehl panierten Bohnen und Sprossen.

jpgDas lokale Projektbüro von SC, in dem wir tagsüber die meiste unserer Zeit verbrachten, liegt im ersten Stock eines L-förmigen Hauses, in dem unter anderem noch eine Sprachschule und verschiedene andere kleine Büros untergebracht sind. Leider liegen die zwei Zimmer des SC Büros genau in der Ecke des Gebäudes, so dass wir von der teilweise schon recht warmen Sonne nicht viel abbekommen haben. Die Wohnungen in Fuyang haben, wie oft in den mittleren und südlichen Provinzen Chinas, keine Heizung und die Klimaanlage war kaputt, sodass es manchmal trotz Winterjacke und Handschuhen ziemlich kalt war, drinnen aus unerfindlichen Gründen auch immer kälter als draußen. Wie fies kalt muss es dort erst im Winter  sein?

Die beiden Mitarbeiterinnen He Yao und Chen Rongyan, sowie der in unserer letzten Woche vor Ort neu eingestellte Fahrer Wu Wei waren äußerst interessiert und hilfsbereit. SC betreut außer dem vergleichsweise kleinen Aidswaisen-Projekt des OAS noch viele weitere Aktivitäten innerhalb eines umfangreichen Projektes der Kadoorie Charitable Foundation aus Hong Kong. Dementsprechend sind die Mitarbeiter vor Ort mehr als ausgelastet. Einen Tag oder ein Wochenende ohne Überstunden gibt es quasi nicht. Trotzdem haben sie uns mit großer Motivation sehr unterstützt. In der ersten Zeit haben wir noch unsere Leitfadeninterviews auf Chinesisch ausformuliert und per Zufallsgenerator die 15 Prozent der Kinder ausgewählt, die wir interviewen wollten. Die AIDS-Waisenhilfe unterstützt in vier Gebieten jeweils unterschiedlich viele Kinder, sodass wir in einer Gegend 7, in einer anderen nur 1 Kind zu interviewen hatten.

jpgUnser größtes Handicap war, dass wir den für die Interviews benötigten Zeitaufwand unterschätzt haben. Die einzelnen Dörfer liegen mitunter sehr weit auseinander und selbst wenn die Entfernung nicht allzu groß ist, kann es doch lange dauern: Die Straßen sind abgesehen von ein paar Hauptverkehrsstraßen nicht geteert und bei Regen teilweise unbefahrbar. Um von einem Interviewort zum nächsten zu kommen, brauchten wir bis zu zwei Stunden oder mehr. Unseren ursprünglichen Plan - jedes Kind zweimal besuchen, auch um ein gewisses Vertrauen aufbauen zu können, da der Verlust der eigenen Eltern natürlich ein schmerzliches und schwieriges Thema für die Kinder ist, über das sie nicht gerne reden – mussten wir so leider aufgeben. Eine zusätzliche Schwierigkeit bei der Organisation der Interviews war es, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um sich mit den Kindern zu treffen. Tagsüber gehen sie in die Schule und sie aus den Unterricht rauszuholen ist natürlich ungünstig, da so sehr viel Aufmerksamkeit auf sie gezogen wird. HIV/AIDS ist auch in den stark betroffenen Regionen leider noch kein Thema, das viel öffentlich diskutiert wird und es existiert nach wie vor viel Unwissen und daraus resultierende Diskriminierung, der wir die Kinder nicht zusätzlich aussetzen wollten. Dementsprechend haben wir immer versucht, so unauffällig wie möglich vorzugehen - soweit das eben möglich ist, wenn man als einzige Ausländer weit und breit mit einem Auto in chinesischen Dörfern unterwegs ist.

jpgAuch bei den Interviews war die Hilfe von He Yao und Chen Rongyan großartig. Die meisten der Kinder waren sehr verschlossen und natürlich nervös, nicht allein wegen der Ungewissheit der Interviewsituation, sondern eben auch weil wir Ausländer sind. Die beiden Mitarbeiterinnen sind mit fast allen Kindern persönlich bekannt, sodass ihre Anwesenheit die Situation ein wenig entspannt hat und so für uns den Einstieg in das Interview vereinfacht hat. Auch konnten sie uns bei sprachlichen Problemen helfen. Der Großteil unserer Interviewpartner hat sich Mühe gegeben deutliches Putonghua (Hochchinesisch) zu sprechen, es gab aber z.B. auch ein Kind, das wir absolut gar nicht verstanden haben und ohne Begleiter aufgeschmissen gewesen wären. Vorab hatten wir in langen Gesprächen den beiden Mitarbeiterinnen unsere Zielsetzung und angewandten Methoden erklärt und sie uns im Gegenzug bei unseren chinesischen Formulierungen geholfen. Sie standen uns bei den Interviews immer zur Seite. Auf unseren Fahrten in die Dörfer wurden wir zusätzlich immer von Offiziellen des Frauenverbandes oder des Bildungsamtes begleitet.

jpgManche Kinder konnten wir zuhause besuchen. Das war unser bevorzugtes Interviewumfeld, da die meisten Kinder sich in ihrer gewohnten Umgebung sicherer fühlen. Außerdem wollten wir uns natürlich ein Bild von ihren Lebensumständen machen. Es war uns auch wichtig die Kinder möglichst alleine zu interviewen, damit sie frei und unbeeinflusst von der Anwesenheit von Offiziellen oder Nachbarn antworten konnten. Das war nicht immer einfach durchzusetzen. Zwar haben unsere Begleiter vom Frauenverband oder Bildungsamt unsere Argumente verstanden. Vor allem aber auf den kleinen Dörfern war die Neugier der Anwohner auf die Ausländer so groß, dass sie teilweise plötzlich im Hof des Hauses standen und einer von uns sie „ablenken“ musste.

Obwohl wir uns der Armut vor Ort durch die Erfahrungsberichte von Bettina von Reden und Vera Lehmann (->Projektereisen April 2007 und Oktober 2006 ), sowie aus unserer Vorbereitung und vorherigen Reisen durchs ländliche China eigentlich bewusst waren, fanden wir den Anblick dennoch oft schockierend. Zusätzlich zu der ländlichen Armut war es besonders schlimm zu sehen, wie stark die Kinder seelisch leiden. Viele waren so verschlossen, dass sie sich während des ganzen Interviews nicht getraut haben uns direkt anzusehen, geschweige denn in ganzen Sätzen zu sprechen. Nicht wenige haben angefangen zu weinen und auch wir sind nicht selten mit einem Knoten im Hals aus dem Interview herausgegangen.

jpgWas ist nun eigentlich herausgekommen? Es gibt durchaus Positives zu berichten: Zu erst einmal, die Hilfe kommt an und sie ist enorm wichtig! Die Kinder sind sehr glücklich über die Unterstützung, da sie ihnen den Schulbesuch sichert und die ökonomische Situation der Familie entspannt. Man muss bedenken, dass viele der Kinder normalerweise Fleisch nur zum Frühlingsfest essen können und ansonsten von dem leben, was sie und ihre Großeltern auf dem eigenen, kleinen Stück Land anbauen oder eventuell Geschwister oder andere Verwandte mit ihren Jobs verdienen. Viele der Kinder sind auch sehr gut in der Schule und gehören zu den drei Besten ihrer Stufe (Foto links von Urkunden "Drittbester Schüler der Klasse"). Besonders erfreulich war es zu hören, dass mehrere Kinder in ihrem späteren Leben ebenfalls in einem sozialen Beruf tätig sein möchten, um die Unterstützung, die sie erfahren haben und für die sie sehr dankbar sind, weitergeben zu können.

jpgDie finanzielle Hilfe ist aber nur ein Teil. Genauso wichtig ist den Kinder zu wissen, dass jemand sich um sie sorgt und dass sie nicht auf sich allein gestellt sind. Die Teddys, die Vera letztes Jahr verteilt hatte, gehören zu ihren größten Schätzen, genau wie die Briefe, die sie von uns oder SC erhalten haben. Die Mitarbeiter von SC haben uns bestätigt, dass der persönliche Kontakt und die Anteilnahme den Kindern hilft, ihrem Schicksal entgegen zu treten und, dass bei allen Kindern, die sie regelmäßig besuchen können eine positive Entwicklung aus der Verschlossenheit heraus zu beobachten ist. Die Kinder freuen sich sehr über jeden Besuch und öffnen sich mehr und mehr. Aus diesem Grund überlegt die AIDS-Waisenhilfe China zusätzlich zum Spendensammeln mehr Aktionen zu unterstützen, die den persönlichen Kontakt fördern. Die Sprachlehrer an unserem Institut haben sich schon bereiterklärt, im Unterricht mit den Studierenden regelmäßig Briefe zu verfassen.

Eine weitere Überlegung ist es, eine Vollzeitkraft in Fuyang anzustellen, die sich ausschließlich um die belange „unserer“ Kinder kümmert und als Ansprechpartnerin für die Kinder bereitsteht. Es ist hierbei aber im Interesse der Kinder wichtig, die Langfristigkeit einer solchen Stelle gewährleisten zu können. Deswegen ist die AIDS-Waisenhilfe China auf die Hilfe der vielen langjährigen und hoffentlich neuen Mitglieder angewiesen. Ideen für Spendenaktionen und aktive Mithilfe sind sehr willkommen!  Wir freuen uns auf Sie / Euch!  (->Kontakt)
 
Gisa Hartmann und Claudia Walther
 
 
Dem Thema "NGO-Arbeit in China" hat Focus Campus einen längeren Artikel gewidmet und dafür auch Gisa und Claudia interviewt. Der gesamte Artikel kann als Download nachgelesen werden (externer Link - PDF, S. 48). 

FOCUS Campus Interview mit Claudia Walther und Gisa Hartmann:

Focus Campus: Welche Probleme habt Ihr bzw. Save the Children bei Eurer Arbeit in China?
Gisa: HIV/AIDS ist in China immer noch ein schwieriges Thema, über das so gut wie gar nicht offen gesprochen wird. Das generelle Wissen um Übertragungswege etc. ist ziemlich gering, obwohl es sich um ein seit langen Jahren sehr stark betroffenes Gebiet handelt .Das führt folglich zu Diskriminierung. Gleichzeitig ist das Thema vielen unangenehm oder peinlich. Wir haben das z.B. bei einem Workshop mit Studenten gesehen, wo sich von 40 keiner so richtig getraut hat Kondom zu sagen. In diesem noch immer relativ verschlossenen Klima hat man immer wieder mit verschiedenen Schwierigkeiten zu kämpfen und es fehlt z.B. an der nötigen Unterstützung von offizieller Seite um Programme vernünftig umsetzen zu können. Eine der Mitarbeiterinnen von SC hat es in einem Interview mit uns so ausgedrückt: Man tut Gutes und trotzdem hat man oft das Gefühl darum betteln zu müssen, es tun zu dürfen.
Problematisch kann auch sein, dass obwohl die Zentralregierung das Problem HIV/AIDS erkannt hat und viele Regelungen erlassen hat, die lokalen Regierungen nicht unbedingt entsprechend dieser Regelungen handeln. Implementierung von Gesetzen ist generell ein Problem in der VR China. Außerdem ist es nach wie vor schwierig an verlässliche Zahlen zu Infektionsraten etc. zu kommen.
Claudia: Weitere Probleme sind die chronische Unterbesetzung und die dadurch entstehende Arbeitslast der Mitarbeiter. Dies gilt aber für viele NGOs mit denen wir gesprochen haben.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Frauenverein? (Schwierigkeiten, Kontrolle, Einmischung, Vorgaben?)
Gisa: Generell betrachtet haben wir eigentlich keine Probleme mit dem Frauenverband, da sie unser Programm durchaus unterstützen. Schließlich helfen wir mit unserem Geld Probleme vor Ort zu mindern. Wir sind in 4 verschiedenen Bezirken tätig und in zweien ist der Frauenverband unser direkter Partner der uns mit SC zusammen geholfen hat die bedürftigsten Kinder auszusuchen und auch bei der Verteilung des Geldes hilft. In den anderen beiden Bezirken ist es das Bildungsamt. Wir mussten allerdings feststellen, dass die Arbeit in den Bezirken unterschiedlich gut ist. Es scheint als ob der Einsatz, den die Offiziellen an den Tag legen sehr von ihrer eigenen Überzeugung abhängt. Wenn sie selber die Unterstützung von betroffenen Kinder für wichtig halten, dann setzen sie sich auch sehr für diese ein. Andere aber scheinen vor allem den zusätzlichen Aufwand zu sehen und arbeiten dementsprechend weniger engagiert.
Claudia: In einem Ort durften Save the Children die Kinder nicht besuchen, da der Frauenverband Angst hatte, dass die ärmlichen Bedingungen in der Gegend öffentlich bekannt werden. Nachdem wir jedoch dort waren und auch SC noch einmal Druck gemacht hat, ist es ihnen jetzt gestattet, die Kinder regelmäßig zu besuchen.

Mischt sich die Regierung ein? Was für Auflagen habt Ihr? Müsst Ihr Rechenschaft ablegen?
Gisa: Die Nationalregierung mischt sich nicht direkt ein. Wir müssen nur wie alle anderen ausländischen NGOs eine staatliche Partnerorganisation haben, die dann auch für uns verantwortlich ist. Bei uns ist das das Arbeitskommittee für Frauen und Kinder. Sie erhalten z.B. von uns vierteljährlich das Geld, dass dann an SC weitergegeben wird, da wir und SC als ausländische Organisationen kein eigenes Konto führen dürfen.
Claudia: Die Provinzregierung mischt sich insofern ein, als das das Arbeitskomitee natürlich ein Teil der Regierungsstruktur ist und seine Anweisungen ebenso von oben erhält wie andere Regierungsabteilungen. An und für sich hat man aber ziemlich freie Hand, solange das Arbeitskomitee keine Einwände erhebt.

Wie viele Mitarbeiter sind in China vor Ort? Arbeiten diese hauptberuflich (wie hoch ist Ihr Gehalt) oder ehrenamtlich?
Gisa: In dem SC Projektbüro, das unter anderem unser Projekt betreut, arbeiten zur Zeit drei Personen, alle hauptberuflich. Ihr Gehalt entspricht in etwa dem von lokalen Regierungsbeamten, so um die 1200 Yuan im Monat. Ein größeres Büro gibt es zusätzlich in der Provinzhauptstadt Hefei und natürlich das Hauptbüro in Peking. Ansonsten hat SC noch in vielen weiteren Provinzen größere und kleinere Büros.
Claudia: Ehrenamtlich arbeiten eigentlich nur die Freiwilligen, die meistens aus Studenten des Fuyang Teachers College rekrutiert werden.

Ihr habt erzählt die Kinder waren sehr schüchtern, aber auch dankbar. Ist Euch noch was aufgefallen?
Gisa: Es stimmt dass viele der Kinder sehr verschlossen und schüchtern waren. Das kann mit verschiedenen Faktoren zusammenhängen. Zum einen bereitet die Ungewissheit so einer Interviewsituation an sich schon recht viel Stress, dann sind Ausländer in dieser Gegend auch noch sehr selten. Einige der Kinder sind aber ein ganzes Stück aufgetaut während des Gespräches. Natürlich sind sie dankbar für die finanzielle Hilfe. Vor allem ist aber deutlich geworden, wie wichtig ihnen auch der persönliche Kontakt ist. Fast alle Kinder haben sich gewünscht, sich häufiger persönlich mit uns oder den SC Mitarbeiten treffen zu können. Es ist für sie in ihrer Situation wichtig zu wissen, dass es Leute gibt die für sie da sind und sie unterstützen. Viele der Kinder schreiben z.B. auch Briefe an die SC Mitarbeiter oder uns. Ein weiterer Punkt ist, dass einige der Kinder gemerkt haben, wie wichtig diese Unterstützung ist und wollen später ähnliche Jobs haben.
 
Mit welchen Problemen haben die Kinder in erster Linie zu kämpfen?
Gisa: Erst einmal leben diese Kinder in großer Armut. Gleichzeitig haben sie bereits ein oder vielleicht sogar beide Elternteile verloren, oder es ist klar, dass dies früher oder später  passieren wird. Das führt natürlich zusätzlich zu dem ohnehin schweren Leben zu weiterem starkem seelischen Schmerz bei den Kindern. Sie verlieren den wichtigsten Halt in ihrem Leben, ihre Familie.
Die fehlende Offenheit bzw. das immer noch zu geringe Wissen in der Gesellschaft führt ebenfalls dazu, dass einige der von uns unterstützen Kinder stigmatisiert werden und unter Diskriminierung leiden müssen. Auch fehlen Ihnen oft Ansprechpartner für ihre Probleme.
Claudia: Darüber hinaus müssen sie oftmals selbständig den Haushalt führen, was neben der Schule eine zusätzliche Belastung darstellt.
Mit der Verteuerung der Lebensmittelpreise etc. in den letzten Jahren wurde auch oftmals berichtet (auch von offizieller Seite), dass das Geld was sie zur Verfuegung haben oft nicht ausreicht. Deshalb passiert es auch, dass Kinder uns Projekt verlassen, um sich eine Arbeit zu suchen, bei der sie dann ca. 200-400 yuan im Monat verdienen. Die daraus resultierende fehlende Schulbildung führt aber wieder dazu, dass sie nicht aus dem Teufelskreis der Armut herauskommen.


Wie viel Geld bekommen Sie noch mal genau?

Gisa: Die meisten Kinder bekommen alle drei Monate 300 yuan ausgezahlt, also 100 yuan pro Monat. Einige bekamen allerdings nur 50 yuan pro Monat. Das hängt mit den jeweiligen Absprachen mit der Regierung bzw. unserem Partner vor Ort ab. Wegen der in den letzten Monaten stark angestiegenen Preise habe auch immer wieder Kinder das Programm verlassen. Als Reaktion darauf hat die AIDS-Waisenhilfe die Aufstockung der 50 yuan Beträge auf 100 yuan beschlossen.

Inwiefern sind Kinderzentren wichtig für die Kinder?

Gisa: Man muss davon ausgehen, dass die Kinder aufgrund ihrer Armut selber nur wenige Spielzeuge und Bücher haben. Kinderzentren geben den Kindern einen eigenen Raum zum Spielen und gleichzeitig zu Entwicklung von ihren sozialen Fähigkeiten. Das ist eine Möglichkeit, die sie sonst in der Art nicht hätten. Dadurch, dass die Zentren allen Kindern offen stehen tragen sie gleichzeitig dazu bei, dass die Kinder lernen Unterschiede zu akzeptieren bzw. zu überwinden. Beim Spielen merken sie, dass von HIV/AIDS betroffene Kinder genauso gut Spielpartner sein können wie andere, sie finden neue Freund und Vertraute.
Claudia: Ihre sozialen Fähigkeiten werden dadurch gestärkt, dass die Kinder die Kinderzentren ‚selbständig’ verwalten (unter Aufsicht eines Erwachsenen), aber sie entscheiden wer was macht und nach einem Zeitraum wird abgestimmt, welches Kind am besten welche Aktivitäten ‚geleitet’ hat.
 
Von wann bis wann genau waren diese Blutplasma-Transfusionen? Wie geht die Regierung mit dem Problem um? Glaubt Ihr, die sind froh, dass Ihr Euch dem Problem annehmt?
Gisa: Die große Welle der HIV-Infektionen durch Blutplasmaspenden war zwischen Ende der 1980er und Anfang der 1990er. Mittlerweile sollen alle illegalen Spendestellen geschlossen worden sein.
Claudia: Die Regierung hat das Problem HIV/AIDS  nach dem Bekanntwerden des Blutplasmaskandals zunächst verschwiegen. Mittlerweile geht sie aber ziemlich offen damit um. Bereits ab Mitte der 1990er hat die Zentralregierung bzw. das Gesundheitsministerium das Problem erkannt, allerdings wurde dies wiederum von den Provinzregierungen und lokalen Behörden konterkariert. Die zentralchinesischen Provinzen, die besonders davon betroffen sind, werden durch das Projekt ‚China CARES’ von der Zentralregierung unterstützt. Dieses Programm finanziert sich zum Teil auch durch Gelder der dritten Runde des Global Fund.
Ob sie froh sind, das wir bzw. Internationale NGOs sich dem Problem annehmen ist schwer zu sagen. Einerseits benötigen sie die Unterstützung und Expertise der ausländischen NGOs, andererseits sollte aber auch versucht werden, die Programme/Projekte an lokale chinesische NGOs abzugeben, um deren Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Das ist auch das was SC tut. Projekte die abegschlossen sind, werden nach und nach in die Hände lokaler Organisationen gegeben (d.h. SC zieht sich langsam daraus zurück, leistet aber über einige Jahre hinweg noch Hilfestellung)

Gibt es sonst noch etwas zu dem Thema NGO-Arbeit oder Eurem Projekt, was Ihr gerne erwähnt hättet?
Claudia: Zu unserem Projekt, natuerlich das wir noch mehr Unterstützer brauchen, da es in diesen Gebieten noch sehr viele hilfsbedürftige Kinder gibt.
Bei NGO Arbeit (dabei meinte ich internationale und nationale NGOs) in China im Allgemeinen ist wichtig zu erwähnen, dass sie mehr und mehr die Bereiche der sozialen Sicherung uebernehmen, aus denen der Staat sich in den letzten Jahren zurueckgezogen hat (oft wegen mangelnder finanzieller Kapazitaeten). Dieser Spielraum wird also vom Staat an die NGOs abgegeben, ohne natürlich die Kontrolle über sie abzugeben.

 
 
Top! Top!