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Sonntag, 19 November 2017
 
 
Projektbesuch Februar 2010 PDF Print E-mail

6. bis 7. Februar 2010 Projektbesuch Vera Lehmann


Am Samstag sind wir aufgrund einer Reifenpanne des Busses erst halb 5 in Fuyang eingetroffen, kamen aber noch rechtzeitig zu der von Ma Mingjun organisierten Versammlung aller Stakeholder des Projektes. Die Versammlung diente der Vernetzung, einer Auswertung des Jahres 2009 sowie der Besprechung der Kooperation und Projektarbeit in 2010. Außerdem war es wichtig, um die Unterstützung der Partner zu festigen. Anwesend waren neben Ma Mingjun und Li Hong von PGY der Leiter des Bildungsbüros von Jieshou (Herr Zhang), Vertreterinnen des Frauenverbandes aus Funan, Linquan und Yingzhou, sowie sechs „unserer“ Kinder.

Wie ich nach meinem Eintreffen beobachten konnte, tauschten sich die Vertreter der staatlichen Institutionen sehr lebhaft aus; u.a. wurde die Vertreterin des Frauenverbandes aus Funan in etwa mit den Worten zitiert: „Wie, in Jieshou gibt es über 60 Kindern und bei uns nur so wenige? Daran müssen wir etwas ändern!“ Funan ist bekanntlich einer der bislang für uns am schwersten zugänglichen Bezirke; die Vertreterin war aber sehr aufgeschlossen; sie hat offenbar auch sehr engen Kontakt zum Vollwaisen Fanlu.

Nach meiner Ankunft wurden verschiedene Anliegen an den Verein herangetragen: Lin und Fanlu baten stellvertretend für die Gaozhong-Schüler und Studenten um eine Erhöhung des Zuschusses. Da die Lebensunterhaltskosten in der Stadt höher seien als auf dem Land und sie während der Vorbereitung auf die Gaokao keine Zeit zum Arbeiten hätten, reichten 100 RMB pro Monat nicht aus. Die Miete beträgt 300-600 RMB pro Monat. Fanlu ernährt sich von 2-3 RMB pro Tag; Frühstück und Abendessen lässt er aus. Lin und Fanlu meinten, dass 200 RMB pro Monat ausreichend seien. Angesichts der Tatsache, dass eine gute Ernährung förderlich für‘s Lernen ist, würde ich persönlich dafür plädieren, die Lebensunterhaltskosten ab Gaozhong auf 200 RMB zu erhöhen.

Ein anderes Anliegen war die Zahlung der Studiengebühren von zwei Studenten, deren Situation besonders schwierig ist. Was die Studiengebühren angeht, so habe ich argumentiert, dass wir als Verein zum einen die langfristige Entwicklung berücksichtigen und zum anderen immer vor der Entscheidung stehen: Mehr Kinder unterstützen oder mehr Unterstützung für Kinder? Das konnten alle nachvollziehen, betonten jedoch wiederholt, dass in diesen beiden Fällen Ausnahmen angebracht seien. Ich habe überlegt, ob das vielleicht über ein Patenmodell arrangiert werden könnte. Abgesehen davon müssen wir in Zukunft vielleicht stärker berücksichtigen, welche Qualität unsere Unterstützung haben soll.

Am Sonntag haben wir von 8:30 bis 18:00 Uhr insgesamt 13 Kinder im Umkreis von Yingzhou aufgesucht, uns mit ihnen unterhalten und das Geld für das erste Quartal sowie die Päckchen übergeben, die von der Shanghaier Organisation MifanMama gespendet wurden. Die Unterhaltungen fanden teilweise in den Häusern statt, teilweise im Auto, weil dies Schutz vor den neugierigen Blicken der Nachbarn und somit eine bessere Privatsphäre bedeutet. Sobald man auf der Straße auftauscht, sind natürlich alle sofort da. Obwohl die Prävalenz in den von uns besuchten Dörfern laut Ma Mingjun bei 40-60% liegt, ist das Thema ein absolutes Tabu.
Die Kinder sind sehr dankbar für die Aufmerksamkeit und Möglichkeit, ihr Herz erleichtern zu können. Ma Mingjun nimmt diese Aufgabe mit sehr großem Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl wahr. Er kennt die Namen aller Kinder und die Lebensumstände, und die Kinder vertrauen ihm offensichtlich. Bei jedem Besuch übergibt er den Kindern einen Brief von sich mit frankiertem Rückumschlag und ermuntert sie, sich jederzeit bei ihm zu melden. Wo möglich, unterhält er auch regelmäßigen Kontakt per Telefon. Obwohl er zukünftig einen Freiwilligen zur Unterstützung einbinden will, möchte er das Projekt weiter persönlich leiten; er sagt, es gibt ihm das Gefühl, dass sein Leben einen Wert hat.

Zum Abschluss sind wir noch bei der Schule vorbei gefahren, wo das Kinderzentrum gebaut werden soll; unklar ist noch, ob rechts oder links des Eingangs. Ma Mingjun würde das gern in diesem Jahr in Angriff nehmen.

Zurück in Fuyang haben wir im Büro die offenen Fragen besprochen und ich habe die Unterlagen gesichtet.

Wir haben viele Geschichten gehört, die ich nicht alle wiedergeben kann. Auffallend sind die vielen Grabhügel auf den Feldern. Ein Mann erzählte, seine Frau habe sich vor der Heirat infiziert; sie ist 2001 gestorben, als die Krankheit noch nicht offiziell anerkannt war. Ob er und sein Sohn infiziert sind, weiß er nicht, weil er Angst hat, sich testen zu lassen. Die Großeltern leben bei ihnen. Damals gab es überall Blutspendestationen, meinte die Großmutter. Sie haben doch nichts gewusst! Der Junge hat die ganze Zeit geweint; er meidet Menschen, sagen seine Großmutter und Ma Mingjun, und redet nur, wenn er mit jemandem allein ist. Zwischendurch ging der Großvater hinaus, damit die Nachbarn seine Tränen nicht sehen. Xiaxia, die bereits 14 ist, aber von der Körpergröße her eher 10 vermuten lässt, hat ihren Vater verloren. Ob sie selbst infiziert ist, weiß man nicht, oft verbietet sich auch die Frage danach. Viele Kinder scheinen überhaupt nicht zu wissen, woran genau ihre Eltern verstorben sind. Es ist schwierig, in diesen Gegenden Aufklärung zu betreiben. Sie mag den Sprachunterricht, sagt Xiaxia, also Chinesisch. Was denn ihr letztes Aufsatzthema war, wollte ich wissen. „Mein Vater“, antwortete sie. Ihr Tagesablauf gleicht dem vieler Kinder: 5 Uhr aufstehen, im Winter etwas später, Essen zubereiten, zur Schule gehen, arbeiten, Hausaufgaben, schlafen. Ihre Freundlin Lingling sorgt zusätzlich für ihre Geschwister. Sie hat sich riesig gefreut, uns wiederzusehen und uns zum Abschied umarmt. Wir sollen ihr unbedingt Photos schicken und sie wieder besuchen.

Fanlu, der nur noch seine Großmutter hat und sich von 2-3 RMB pro Tag ernährt, hat uns den Vormittag über begleitet; er sagt, wenn er die Uni-Aufnahmeprüfung, die in etwas mehr als 100 Tagen ansteht, schafft, möchte er Sprachen studieren. Und später einen Beruf wie Ma Mingjun ergreifen, weil er gesehen hat, dass man mit so wenig Menschen so viel helfen kann.

Zur Arbeit von PGY in unserem Projekt

Wie oben erwähnt, will Ma Mingjun einen Freiwilligen einarbeiten, die Leitung des Projektes aber behalten, weil es ihm am Herzen liegt. Er ist bisher oft mehr als einmal im Quartal zu den Kindern gefahren, um sie zu treffen, weil die Zeit bei der Geldverteilung nicht ausreicht. Wir haben vereinbart, dass die Geldverteilung in Jieshou künftig nur noch über das Jiaoyuji läuft (bisher war es meistens geteilt), damit er sich nicht zuviel aufhalst, er aber den Kontakt zu den Kindern aufrecht erhält.


Geldverteilung
Die Verteilung für Yingzhou, Linquan und Funan wird von Ma Mingjun übernommen. Grundsätzlich sind auf den Unterlagen zwei Unterschriften, die von Ma Mingjun, und die des Kooperationspartners vor Ort, also Bildungsbüro bzw. Frauenverband. Der Ablauf für Jieshou ist:
- Überweisung des Geldes von PGY nach Jieshou unter Berücksichtigung des Übertrags vom vorherigen Quartal
- Check, ob angekommen
- Versand der aktualisierten Namensliste für die Unterschriften der Kinder von PGY
- Mit Verteilung der Gelder i.a. auch Übergabe eines Briefes von Ma Mingjun
- Abschließend Übersendung/Übergabe der Unterschriftenlisten an PGY
Auf den Anträgen von Jieshou für die Aufnahme von neuen Kindern ist auch immer der offizielle Stempel. Die meisten Änderungen finden laut Ma Mingjun nach dem 2. Quartal statt, weil da das Schuljahr vorbei ist.
Die Unterschriften der Kinder für das 4. Quartal 2009 liegen alle vor. Die letzte Verteilung erfolgte am 3. und 4. Januar 2010.

Planung für 2010

- Die Dokumentation/ Vervollständigung der Kinderakten setzt er laufend fort.
- Das Kinderzentrum soll möglichst in Q2 in Angriff genommen werden.

Soweit erst einmal mein Bericht.

Viele Grüße
Vera

 
 
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