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Sonntag, 19 November 2017
 
 
Projektbesuch Dezember 2010 PDF Print E-mail

„Ihr seid mir die nächsten Menschen“

Besuch in Anhui 4. bis 5. Dezember 2010

Bericht von Vera Lehmann, China-Repräsentantin des Vereins AIDS-Waisenhilfe China e.V.

jpgAm ersten Dezemberwochenende 2010 reisten Bastian Lankeit (stellvertretender Vorsitzender der Aids-Waisenhilfe China e.V.) und ich zu unserem Projekt in Anhui – der dritte Besuch in diesem Jahr. Wir immer  wurden wir von den Mitarbeitern unserer Partnerorganisation Pugongying (PGY) sehr herzlich empfangen. Unser langjähriger Mitarbeiter Ma Mingjun und die erst seit diesem Jahr bei PGY arbeitende Sun Haijian begleiteten uns bei unserem Besuch. Wie Ma Mingjun macht Sun Haijian einen sehr aufgeschlossenen und engagierten Eindruck.
Bild: Ma Mingjun und Sun Haijian

Besuch von 4 Kindern in Funan

Nach unserer Ankunft am 4.Dezember fuhren wir zunächst in den Bezirk Funan, um einzelnen Kindern einen Besuch abzustatten und persönlich die letzten Gelder für das 4. Quartal des Jahres auszuzahlen. Dabei wurde noch einmal eindrücklich klar, wie wichtig unser Engagement für die Kinder ist. Es war für uns zu spüren, dass Zeit und Aufmerksamkeit die schönsten Geschenke sind, die wir ihnen machen können.

jpgXie Hui
Als erstem Kind begegneten wir dem 16jährigen Xie Hui. Er lebt in einem ärmlichen Haus allein mit seiner Großmutter und zwei Hunden. Er redet sehr wenig und blickt die meiste Zeit während unserer Unterhaltung zu Boden. Doch als er auf meine Aufforderung hin die Kamera nimmt, um den unaufhörlich bellenden Hund zu fotografieren, hellt sich sein Gesicht auf und seine Zuneigung zu dem Tier ist förmlich zu spüren. Anders als Xie Hui erzählt die Großmutter uns ausführlich von ihrer Lebenssituation. Xie Huis Vater ist an AIDS gestorben, seine Mutter hat neu geheiratet und, wie es leider oftmals üblich ist, ihr Kind zurückgelassen. Die Großmutter berichtet uns, wie eigenständig Xie Hui gelernt hat zu leben, z.B. kocht er selbst Essen, um seine Großmutter zu entlasten. Wir benötigen Ma Mingjuns Hilfe, um den Dialekt der alten Frau zu verstehen, aber unmissverständlich sind ihre Sorgen und die Klagen über die Nachbarn. Dass diese „schlechte Menschen“ seien, hören wir oft von Familien, die von AIDS betroffen sind. Dahinter verbirgt sich die weiterhin anhaltende, gravierende soziale Stigmatisierung der von der Krankheit Betroffenen.
Bild: Xie Hui mit seiner Großmutter, ihr Haus und er bei der Unterschrift zum Erhalt des Geldes
 
jpgLuo Fang
Die 14jährige Luo Fang, der wir im Anschluss begegnen, lebt in einem Haus mit vielen verschiedenen Familienmitgliedern. Es fällt uns zunächst schwer, herauszufinden, wer wer ist, aber einen Eindruck der Familiensituation erhalten wir doch. Luo Fangs Mutter ist gestorben, der Vater ist scheinbar gegangen. Stolz zeigt sie die an der Wand hängenden Auszeichnungen für ihre guten Ergebnisse in der Schule. Für uns ein sichtbarer Beweis, dass unser Engagement hilft.
Bild: Luo Fang in ihrem Zuhause mit der Großmutter und vor den Schulurkunden

Zuying
Unser nächster Besuch gilt Zuying, die schon unsere Vereinsmitglieder Bettina 2006, Claudia und Gisa 2008 und Bastian und Mira 2009 kennengelernt haben. Es ist ein Abenteuer zu ihr zu gelangen und wir holpern über unbefestigte Wege, um zu ihrem Dorf zu kommen. Am Dorfrand finden wir ein unfertiges Haus, das laut Zuying für eine von AIDS betroffene Familie von staatlichen Geldern gebaut wurde. Es sieht für uns nicht so aus, als würde dort jemals jemand einziehen. Zuyings Großvater ist mittlerweile gestorben, so dass ihr nur die jüngere Schwester und die Großmutter geblieben sind. Zuying freut sich sehr, uns zu sehen und macht mit meiner Kamera ein Photo nach dem anderen. Bei all der Freude sind wir trotzdem erschüttert über die ärmlichen Lebensverhältnisse: jpgDie Behausung ist eine Hütte in jämmerlichem Zustand, die Betten sind nur mit Vorhängen vor der Witterung geschützt, das Dach ist undicht. Die Tür des einzigen Raums neben der Küche hängt schief in den Angeln. Alles sieht ziemlich verwahrlost aus; die beiden Nachbarhäuser nehmen sich geradezu prachtvoll dagegen aus. Auch Zuying lässt erkennen, dass die Beziehung zu den Nachbarn von gegenseitigem Misstrauen und Abneigung geprägt und die soziale Stigmatisierung spürbar ist. Ma Mingjun verspricht uns, zu versuchen, Geld für eine Renovierung des Hauses zu bekommen; die Kosten schätzt er auf 60.000 RMB. Als es dunkel wird, müssen wir aufbrechen. Zum Abschied besteht Zuying darauf, uns zurück zum Auto zu begleiten; sie sagt: „Ihr seid mir die nächsten Menschen.“
Bild: Zuying, ihre Großmutter (ganz links mit Ma Mingjun und Vera) in ihrem Haus
 
Liling
Den Weg zu unserem Besuch bei der 13jährigen Zhang Liling müssen wir erst eine Weile suchen, weil es schon dunkel ist, aber endlich treffen wir sie zusammen mit ihrer älteren Schwester an der Einmündung eines Feldweges. Die Schwester bricht in Tränen aus, weil sie nicht damit gerechnet hat, „die Ausländer“ zu sehen. Zhang Liling selbst ist so verschüchtert, dass sie fast gar nichts sagt und nur verspricht, fleißig zu lernen, damit sie im Gegensatz zu ihrer Schwester einen guten Schulabschluss schafft. Die Schwester hat nämlich die Schule nach dem Tod der Mutter abbrechen müssen, um den Vater zu unterstützen, doch sie klagt nicht darüber. Auch der Vater scheint erkrankt zu sein. Noch einmal wird uns durch diesen Besuch deutlich, warum unsere finanzielle Hilfe so wichtig ist.

 Treffen mit dem Bildungsamt in Jieshou

Am nächsten Tag brechen wir früh nach Jieshou auf, um uns mit Vertretern des Bildungsamtes zu treffen. Herr Fan, Leiter des Bildungsbüros und Herr Zhang, Projektverantwortlicher, empfangen uns und begleiten uns in die Schule, wo die Chi Heng-Stiftung eine Bibliothek eingerichtet hat. Wir sind hier, um über den Stand der Dinge und mögliche Kooperationen zu sprechen. Im Bezirk Jieshou unterstützen wir mit Abstand die meisten Kinder, auch deshalb ist die Unterstützung der lokalen Behörden wichtig. Im Gespräch ist Herrn Fan und Zhang die Enttäuschung deutlich anzumerken, als wir erklären müssen, dass wir derzeit keine Möglichkeit haben, weitere Kinder aufzunehmen. Herr Zhang hingegen möchte gerne wenigstens sechs Kinder neu aufnehmen. Herr Fan schlägt vor uns einen sehr guten Kompromiss vor: Das Bildungsamt wird den neuen Schülern auf der Gaozhong die Schulgebühren, die mittlerweile auf 1.500 RMB pro Halbjahr gestiegen sind, erlassen und die Aids-Waisenhilfe China e.V. wird im Gegenzug sechs neue Schüler aufnehmen.
jpgVlnr: Ma Mingjun, Herr Zhang, Herr Fan, Vera, Bastian, Schulleiter, bibliotheksverantwortliche Lehrerin, darunter Kinder in Bibliothek bei der Geldübergabe, Bibliothek

Kinderzentrum

Beim Abendessen am 5. Dezember treffen wir noch den Leiter der Schule von Yanhe, wo das von uns geplante neue Kinderzentrum gebaut werden soll. Er äußert in diesem Arbeitsgespräch, dass ihm sehr daran gelegen ist, das Zentrum an seiner Schule zu haben. Wir machen ihm deutlich, dass wir ihn in der Verantwortung sehen, was die Bauaufsicht und die Betreuung des Zentrums angeht. Außerdem regen wir an, die Inneneinrichtung in der Umgebung fertigen zu lassen, um zusätzlich die lokale Wirtschaft zu unterstützen.

Insgesamt war unsere Reise erneut ein Besuch, der uns deutlich gezeigt hat, wie dringend unsere Hilfe benötigt wird. Bei den Treffen mit den unterstützten Kindern spürten wir, dass die Hilfe ankommt und wie sehr die Kinder unsere Aufmerksamkeit und Zeit zu schätzen wissen. Darüber hinaus, das haben uns die Besuche im Bildungsamt und mit dem Leiter der Schule in Yanhe gezeigt, wird die Zusammenarbeit aller Beteiligten – PGY, Behörden, Schulen – immer besser und effektiver. Wir hoffen bald auch in weiteren Orten Ergebnisse wie z.B. die Erleichterung bei den Schulgebühren zu erreichen.

Vera Lehmann

 
 
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