Home arrow Projekte arrow Projektreise Sept. 2011
Sonntag, 19 November 2017
 
 
Projektbesuch Sept. 2011 PDF Print E-mail

Vier Wochen im Projekt des AIDS-Waisenhilfe China e.V.

Bericht aus Fuyang von Verena Thelen

Verena in FuyangSonntagmorgen 28. August 2011, Ankunft in Fuyang.
Irgendwo mitten im Land der Mitte.

Die Müdigkeit nach der langen schlaflosen Nacht im Zug wird verdrängt von Spannung und leichter Nervosität.

Was mag mich erwarten? Was werde ich sehen in einer der ärmsten Städte Chinas? Wie werde ich damit fertig? Werde ich zurechtkommen mit meinem Chinesisch? Schaffe ich es so lange alleine in dieser fremden Stadt?

Ungefähr 80 Minuten später befinde ich mich im Taxi, begleitet von Claudia, die extra aus Beijing gekommen ist, um mir die Ankunft zu erleichtern, und Ma Mingjun, unserem chinesischen Mitarbeiter. Begrüßt wurde ich mit einem herzlichen Lächeln und sichtlich aufrichtiger Freude auf die künftige Zusammenarbeit.
Wir fahren durch die laute, versmoggte, volle Stadt. Ich habe keine Ahnung, wo wir hinfahren, angeblich an einen Ort der Ruhe. Schwer vorzustellen. Wir steigen aus und laufen vorbei an leer stehenden zerfallenen Häusern, die als inoffizielle Müllkippe dienen. Einige Chinesen sitzen am Wegrand und starren uns an, abgemagerte Straßenhunde kreuzen unseren Weg.
Doch 200 Meter weiter taucht plötzlich ein strahlend gelber Tempel auf, der genauso wenig hier hinzugehören scheint wie ich. Ein rot-brauner Hund bewacht das große Eingangstor und knurrt uns an, während wir langsam näher kommen. Ein hübsches Mädchen in einem blau-weiß gestreiften Kleidchen und einem Haarreifen auf dem Kopf  steht freudestrahlend vor uns.
Sie führt uns in den wunderschönen Tempelhof, wo wir von der Oberschwester begrüßt werden. Wir bekommen Tee, Äpfel und schlussendlich sogar Mittagessen vorgesetzt. Die kleine Nana freut sich riesig über unseren Besuch und nimmt dankbar das Geld an, das wir ihr mitgebracht haben.
Sie ist ein Waisenkind, das zusammen mit seiner großen Schwester von den Eltern ausgesetzt wurde. Man hat die beiden irgendwo auf der Straße gefunden und schließlich zu dem Tempel gebracht, wo sie von den Nonnen großgezogen wurden.
Nana ist ein unwahrscheinlich fröhliches Kind, sie hat die ganze Zeit ein Lachen im Gesicht, das mich unweigerlich mit Wärme erfüllt.
    
Als ich zurück im Hotel bin und darüber nachdenke, was mich in den nächsten Wochen erwartet, ist alle Angst verschwunden. Wenn ich daran denke, wie die kleine Nana mich angelacht hat, und dass wir einen großen Teil dazu beitragen, dass sie solch ein unbeschwertes Leben führen kann, dann war für mich diese Erkenntnis die weite Reise schon wert.

Natürlich hat Nana noch großes Glück gehabt. In den nächsten Tagen habe ich zusammen mit Ma Mingjun viele Kinder besucht, um ihnen unser Geld persönlich zu überreichen. Sie leben meist in Hütten, die wir in Deutschland nicht einmal als Schuppen verwenden würden. Diese Behausungen sind teilweise völlig verdreckt, da niemand die Zeit oder die Kraft hat sie zu putzen. Manche der Kinder wirken noch immer sehr verstört und trauen sich kaum mich anzuschauen. Oft kommen aber die Pflegeeltern oder Verwandten auf mich zu, geben mir die Hand und bedanken sich herzlich für unsere Hilfe. Besonders freuen sich meistens die Großeltern, die ihre Enkel aufgenommen haben. Sie lächeln mich ununterbrochen an, so dass ich ihre nur noch wenigen verbliebenen Zähne sehen kann und erzählen mir meist etwas, das ich leider nicht verstehe. Aber eins hat sich auf dieser Reise sicher bestätigt, „Ein Lächeln sagt mehr als tausend Worte.“

Mittlerweile haben sich anscheinend viele der Kinder an die Besuche der Ausländer gewöhnt und freuen sich richtig über die Abwechslung. Ich bekomme die Schulbücher des neuen Schuljahres gezeigt, von Ausflügen in den Ferien erzählt und schön aufgeräumte Schlafzimmer demonstriert. Andere erzählen mir, wie gerne sie Bücher über die chinesischen Minderheiten lesen oder von ihren Plänen Arzt zu werden, damit sie später genug Geld verdienen, um Kindern mit ähnlichem Schicksal helfen zu können.

Während dieser Besuche konnte ich gut beobachten wie liebevoll sich Ma Mingjun um die Kinder kümmert. Er nimmt sich für jedes Kind genügend Zeit und ist jeweils genau mit ihren Umständen vertraut. Er fragt nach, ob es irgendwelche Probleme gibt und betont, dass sie ihn immer anrufen können. Er gibt das Geld, bis auf seltene Ausnahmefälle, immer direkt den Kindern, so dass nichts abhandenkommen kann.

An Regentagen, von denen es so einige gab, war es leider nicht möglich die Kinder zu besuchen, da die Schlammpfade zu ihren Dörfern nicht befahrbar sind. In dieser Zeit habe ich die Arbeit meiner Vorgänger weitergeführt und die Akten der Kinder überarbeitet. Dabei konnte ich freudig feststellen, dass diese auch ohne unsere Anwesenheit weitergeführt wurden.  

Zusätzlich habe ich mich mit dem Buchführer Herrn Chen zusammengesetzt, der mir die Abrechnungen der letzten zwei Quartale gezeigt hat. Ich war überrascht von der sehr ordentlichen Buchführung und hatte nichts daran auszusetzen.

Mein Hauptziel für dieses Praktikum war allerdings einen neuen geeigneten Bauplatz für ein Kinderzentrum zu finden.
Unser Verein hat im letzten Jahr von den Rotariern und der Firma Henkel zwei großzügige Spenden für den Bau eines kleinen Zentrums bekommen, in dem die Kinder auch außerhalb der Schulzeiten die Möglichkeit haben sollen, der elenden Situation zu Hause zu entfliehen.
Nachdem die zunächst geplante Zusammenarbeit mit einer Grundschule nicht zustande gekommen war, benötigten wir dringend einen neuen Kooperationspartner. Dies erwies sich aber als weitaus schwerer als erwartet, da gerade zu Beginn des neuen Schuljahres alle Leute sehr gestresst waren und keine Zeit hatten sich mit uns auseinanderzusetzen. Schlussendlich haben Ma Mingjun und ich aber doch eine interessierte und engagierte Schule gefunden. Der Schulleiter einer Mittelschule in Yingzhou, an der wir mehrere Kinder unterstützen und viele weitere ebenfalls Hilfe gebrauchen könnten, war von der Idee sehr begeistert.
Ich musste leider vor Baubeginn abreisen, aber wir haben einen tollen Plan zusammen erarbeitet, in dem vorgesehen ist, zwei ungenutzte Klassenräume im Erdgeschoss von außen zugänglich zu machen und als Bibliothek und Spielzimmer umzubauen. Mit einem Teil des Geldes soll auch der Vorplatz umgebaut, Tischtennisplatten angebracht und ein Basketballplatz errichtet werden.
Unser Vereinsmitglied Claudia wird in naher Zukunft nach Fuyang fahren und den Fortschritt der Arbeiten kontrollieren.

Alles in allem war mein Aufenthalt in Fuyang sehr erfolgreich.
Ich habe sehr viel gelernt. Sei es über das Leben der Menschen hier, über mich selber oder einfach nur Chinesisch.
Mein Blick auf die Welt hat sich grundlegend geändert. Aber auch wenn ich eine Menge schrecklicher Dinge gesehen habe, überwiegt doch die Freude darüber, dass wir in der Lage sind einigen dieser Kinder zu helfen.

 

 
 
Top! Top!