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Sonntag, 19 November 2017
 
 
Die Provinz Anhui PDF Print E-mail

Die wirtschaftliche Situation in Anhui und HIV/AIDS

(Zusammenfassung einer Studie von Save the Children UK, April 2005, die gesamte Studie - Nick Young and James Yang: Anhui Province: A situation analysis with particular attention to the circumstances of children - kann bei www.chinadevelopmentbrief.com gegen ein geringes Entgelt heruntergeladen werden.)

Anhui ist der arme Nachbar der Küstenprovinz Jiangsu und fällt im Vergleich mit anderen Provinzen in den letzten Jahren sogar kontinuierlich weiter zurück. Auf dem UN-Index der „Menschlichen Entwicklung“ (HDI) ist die Provinz Anhui von Platz 19 (1995) auf Platz 25 (2003) von den 31 Provinzen Chinas gefallen.

Obwohl Anhui als eine der ersten Provinzen bereits 1978 erfolgreich die kollektiven Strukturen in der Landwirtschaft aufbrach und dadurch zunächst Wachstum und ein steigendes Einkommen vor allem für die Bauern erzielte, bleibt nun seit Jahren das benötigte Wirtschaftswachstum hinter dem anderer Provinzen zurück. Anhui leidet vor allem an einer schlechten Infrastruktur und dadurch erschwertem Marktzugang für seine Produzenten, auch Investitionen von außen gehen zu einem Großteil in die Nachbarprovinzen an der Küste. So zog z.B. Jiangsu 2004 Investitionen in Höhe von 12 Milliarden US-Dollar an, in Anhui waren es nur 550 Millionen US-Dollar. Sogar im armen Henan wurde mehr investiert mit 874 Millionen US-Dollar.

So liegt auch Anhuis Bruttosozialprodukt pro Kopf mit 6.455 RMB (ca. 650 Euro) deutlich niedriger als der landesweite Durchschnitt von 9.101 RMB (ca. 915 Euro). In Jiangsu zum Beispiel beträgt der Wert das Dreifache mit 16.809 RMB.

Auch innerhalb Anhuis sind die Unterschiede groß. So ist die Präfektur Ma’anshan mit ihrer Stahlproduktion deutlich reicher als die ländlich geprägte Präfektur Fuyang. Dies spiegelt sich im Einkommen der lokalen Behörden und entsprechend in deren Fähigkeit, der Bevölkerung grundlegende Dienste z.B. in den Bereichen Bildung und Gesundheit anzubieten. So kann die Behörde in Ma’anshan jährlich auf ein Einkommen von rund 1.210 RMB pro Einwohner zurückgreifen, die Behörde in Fuyang nur auf ein Zehntel dieses Werts mit 125 RMB pro Einwohner. Die ärmeren Behörden sind somit chronisch verschuldet und unterfinanziert.

Die Anzahl der in Armut lebenden Menschen in Anhui hat sich 2003 gegenüber dem Vorjahr nach einem Bericht um 300.000 erhöht. Doch auch die reicheren Gegenden Anhuis beherbergen verarmte Familien, in denen es durch Krankheit, Tod oder Behinderung an Arbeitskräften fehlt.

Auf Grund der Armut gibt es eine hohe Zahl von Wanderarbeitern aus Anhui – geschätzte 8-16 % der Bevölkerung (zwischen 5-10 Mio. Menschen) verbringen mehr als sechs Monate jeden Jahres außerhalb der Provinz auf der Suche nach Arbeit. Dies führt regelmäßig dazu, dass Kinder in der Obhut von Großeltern oder Verwandten zurückbleiben, Fälle von Verwahrlosung oder Kinderarbeit sind keine Seltenheit.

Mit der Armut ist auch die Rate der Müttersterblichkeit angestiegen von 44,3 Todesfällen pro 100.000 Geburten 2002 auf 51,3 pro 100.000 im Jahr 2003. Auch die Kindersterblichkeit stieg im selben Zeitraum von 23 pro 1000 auf 31,8 pro 1000.

Die Initiative „Go West“ der Zentralregierung, die verarmten westlichen Provinzen bevorzugt zu fördern, hat zu einer weiteren Vernachlässigung der zentralchinesischen Provinz Anhui geführt.

Auf der positiven Seite hat die Zentralregierung Anhui als Pilotregion für Änderungen in der Steuergesetzgebung ausgewählt und dies scheint der Wirtschaft Impulse zu geben. Anhui hat zudem ein eigenes Entwicklungsprogramm aufgelegt und will die Provinz durch bessere Anbindung per Straße und Schiene attraktiver für Investoren machen.

HIV/AIDS

Anhui’s erste HIV-Infektion wurde 1994 gemeldet. Für Ende 2004 wurden offiziell knapp 2.600 HIV-Infizierte gemeldet, 1.314 Menschen hatten offiziell die Krankheit AIDS entwickelt und 430 Menschen waren daran gestorben. Von 2003 bis 2004 wurde ein Anstieg der Infektionen um 60% ermittelt, dies kann jedoch auch auf die verbesserte Datenerhebung zurückzuführen sein. Inoffizielle Schätzungen gehen insgesamt von deutlich höheren Zahlen im 10.000er Bereich aus und die offiziellen Zahlen werden als wenig vertrauenswürdig eingeschätzt.
Einige Regionen in Nord-Anhui sind dabei durch illegale Blutverkäufe genauso schlimm betroffen wie das benachbarte Henan. Ca. 80% aller HIV-Infektionen in Anhui werden auf unhygienische Blutspendepraktiken zurückgeführt und mehrere Landkreise sind für ihre „AIDS-Dörfer“ bekannt.

Anhui hat 1999 einen ersten 10-Jahresplan zur Prävention und Kontrolle von AIDS verabschiedet und diesen 2004 noch einmal entsprechend der Zentralgesetzgebung revidiert. Vorgesehen sind demzufolge vier kostenlose Dienstleistungen: Kostenlose HIV-Tests und Beratung, kostenlose Behandlung von HIV-Infizierten, kostenlose Bildung für AIDS-Waisen und kostenlose medizinische Versorgung und Tests für Schwangere. AIDS-Waisen und AIDS-Kranke werden zudem von einem Mindesteinkommens-System abgedeckt. (dibao)
Die kostenlosen Dienste setzten jedoch erfolgte positive HIV-Tests voraus. Sind die Eltern eines Kindes mit größter Wahrscheinlichkeit an AIDS aber ohne abgeschlossenen positiven HIV-Test verstorben, so hat das Kind kein Anrecht auf kostenlose Bildung oder Zuzahlungen zum Lebensunterhalt.

Anhui ist Teil eines Pilotprojekts zur Verteilung chinesischer Medizin an HIV-Infizierte, es ist ebenfalls Teil des Projekts des Globalen Fonds gegen AIDS, Tuberkulose und Malaria, über den die Versorgung mit anti-retroviralen Medikamenten gewährleistet werden soll. Bisher erreichen diese Programme viele Menschen jedoch noch nicht.
Weiterhin bleibt die Diskriminierung von Betroffenen ein großes Problem. In einigen Teilen Anhuis wurden AIDS-Waisen aus Angst vor Ansteckung nicht in die Schule gelassen, in anderen Fällen nutzen Verbrecher die Angst vor dem Virus für Raub und Erpressungsfälle. In den am schlimmsten betroffenen Regionen ist die Diskriminierung geringer, dafür verarmen hier große Landstriche in besonderem Maße und weniger Erwachsene bleiben übrig, um sich um die Kinder zu kümmern.

Schätzungen gehen von mindestens 1.000 AIDS-Waisen in Anhui aus.

 
 
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