Home arrow Projekte arrow Projektreise April 2007
Sonntag, 19 November 2017
 
 
Projektreise April 2007 PDF Print E-mail

Bericht eines Projektbesuchs von Vera Lehmann, Gründungsmitglied der AIDS-Waisenhilfe China e.V. und bis April 2007 Stellvertretende Vorsitzende. Vera lebt aktuell in Beijing. 

Zwei Tage mit 120 Kuscheltieren in Anhui, 20.-21. April 2007

AIDS-Waisenhilfe-Mitglied Caroline brachte mir aus Köln die großen Taschen mit gekauften, geschenkten, selbst genähten – jedenfalls: mit Liebe ausgesuchten Kuscheltieren und den Briefen an unsere Kinder, die der Verein gesammelt hatte. Nachdem sie mir alles in Beijing übergeben hatte, konnte ich die Kuscheltiere am 20. April mit an Bord des Flugzeugs nehmen, das mich nach Hefei brachte.

LandstrasseAm Morgen des folgenden Tages wurden wir – die Kuscheltiere, eine Freundin und ich – von Save the Children-Mitarbeiter Xu Qifeng abgeholt und vier Stunden lang an immer gleich aussehenden Dörfern mit zweistöckigen Gebäuden vorbei in Richtung Norden kutschiert. Xu Qifeng ist einer von vier Mitarbeitern des Fuyang-Büros; er ist nicht nur der Fahrer, sondern organisiert und leitet auch Trainings zur Aufklärung und Prävention von HIV/AIDS. Er erschien mir als ein sehr umsichtiger Mensch, der meine Fragen zu Save the Children und allgemein zu Fuyang kompetent beantworten konnte.

In Fuyang trafen wir He Yao, die Leiterin des Büros. Sie war früher Kindergärtnerin, hat darüber in einem Projekt die Hilfsorganisation Save the Children kennen gelernt, dann eine Weiterbildung gemacht und eine Zeitlang im Hefeier Büro von Save the Children gearbeitet, bevor sie vor etwa eineinhalb Jahren nach Fuyang gekommen ist.

TVZu viert fuhren wir von Fuyang aus noch einmal über eine Stunde, unterwegs schlossen sich uns die adrett gekleidete Vertreterin des Frauenverbands und sowie ein Mann an, der sich als Journalist entpuppte. „Heute Abend seid ihr im Fernsehen!“ Zwar nur im lokalen, aber das deckt immerhin ein Gebiet von etwa 9,6 Millionen Menschen ab. Die Frauenverband-Vertreterin machte denn auch ausführlich Gebrauch davon, erklärte die HIV/AIDS-Problematik und wie sehr sie unsere Hilfe schätzten – und benötigen. Da wurde kein Blatt vor den Mund genommen, sehr beeindruckend.

Angekommen im Dorf, machten wir uns zunächst zum Kinderzentrum auf. Kinder waren etwa 30 da.  Während He Yao sich mit den Kindern unterhielt und nach den allgemeinen Umständen fragte, wie es zu Hause und in der Schule sei, hatte ich Gelegenheit, mich umzusehen. Das Zentrum ist ein schlichtes Gebäude mit einem einzigen großen, sauberen Raum und bunten Bildern an den Wänden. Eine ältere Frau führte offenbar Aufsicht über die Kinder, deren Alter mindestens von drei bis 13 reichte und die ziemlich vergnügt herumtollten.

Junge unterschreibtNachdem die AIDS-Waisen ihre 300 Yuan für das Quartal entgegen genommen und dafür unterzeichnet hatten, durfte ich die ersten Kuscheltiere überreichen – die Augen leuchteten! Gewissenhaft wurde jeder Brief studiert, nicht nur der eigene; die Kuscheltiere freilich wurden dabei nicht mehr aus der Hand gelassen. Glücklicherweise hatte meine Freundin Unmengen von Kulis, Armbändern etc. dabei, so dass keines der anwesenden Kinder leer ausging.

Anschließend gingen wir zu der Gipswerkstatt, die mit unseren Spenden finanziert wurde. Dort arbeitete der kranke Vater eines der Kinder, die von uns unterstützt werden. Er fertigt Stuckleisten an, die bei den vielen Häuslebauern und kleinen Bauunternehmen der Gegend guten Absatz finden. Seine Frau saß teilnahmslos daneben in der Ecke; sie sei geisteskrank sagte man mir. Der Vater erklärte wortreich (in seinem leider für meine Ohren etwas unverständlichen Dialekt), wie dankbar er sei, dass er mit unserer Starthilfe jetzt ein kleines Einkommen habe und wie sehr er hoffe, dass sein Sohn weiter gute Leistungen in der Schule zeige und es später mal besser habe. Der Junge ist 10 Jahre alt und ausgesprochen aufgeweckt. Er ist derjenige, der morgens aufsteht und Essen zubereitet; seine Eltern sind dazu beide nicht mehr in der Lage...

Bedrückend war die Anwesenheit eines blinden Mädchens, das auf einem Karren saß und – nachdem He Yao ihr heruntergeholfen hatte, kaum stehen konnte – weil niemand Zeit hat, mit ihr ab und zu ein paar Schritte zu gehen. Sie hat keinen Blindenstock und ist auf fremde Hilfe angewiesen. In die Schule geht sie natürlich auch nicht, wirklich bedauernswert. Im Vertrauen, dass niemand es als „Zweckentfremdung“ der gespendeten Kuscheltiere empfinden würde, haben wir für sie einen besonders großen und kuscheligen Bären ausgesucht.

Kinder mit TeddiesZu Abend haben wir mit einer Vertreterin der Kreisregierung gegessen. Die Beziehung zwischen den Mitarbeitern von Save the Children, insbesondere He Yao und ihr schien sehr konstruktiv zu sein. Die Probleme sind einfach zu offensichtlich und drängend, als dass man sie ignorieren oder die Zusammenarbeit ausschlagen könnte. Hilfreich dafür ist sicherlich die Tatsache, dass alle Mitarbeiter von Save the Children vor Ort Chinesen sind. Zwar werden von den Projektpartnern Besuche wie der unsrige sehr begrüßt, für die Polizei muss jedoch jedes Mal ein Bericht erstellt werden.

Später haben wir über eine mögliche Ausweitung unserer Kooperation mit Save the Children gesprochen. He Yao nannte auf meine Frage, wie viele Kinder denn im Kreis Fuyang betroffen seien, eine Zahl, die mir trotz der Tatsache, dass die meisten Familien in der Region drei Kinder haben, recht hoch schien: 20.000. Auf Nachfrage erklärte sie, sie hätten die Kinder in den Dörfern befragt. Irgendwann seien auch Kinder gekommen, die gesagt hätten, ihre Eltern oder ihre Familie seien zwar nicht direkt betroffen, d.h. infiziert, aber wenn sie in ein anderes Dorf gingen, dann hieße es sofort‚ du bist aus dem AIDS-Dorf’ und damit hätten sie mit den gleichen Widrigkeiten zu kämpfen wie andere auch. Bis auf weiteres gibt es aber auch noch viele Kinder, die einen Elternteil oder beide durch AIDS verloren haben. Bedarf für mehr Spenden gibt es auf jeden Fall. Von allen unterstützten Kindern haben Save the Children Unterschriften, die sich in der Ecke eines Schreibtisches im Büro stapeln.

BriefZum anderen hatte ich ebenfalls Gelegenheit, ein paar der Briefe zu lesen, die die Kinder an Save the Children schicken. Briefverkehr ist neben Telefongesprächen eine Art, die Verbindung zu halten, weil He Yao und ihre Kollegen es nicht schaffen, innerhalb von drei Monaten jedes der Kinder zu besuchen, die wir unterstützen. Wirklich bewegend war der Brief eines Jungen, in dem er schrieb, wenn er die Hochschulaufnahmeprüfung bestanden hätte, auf die er sich gerade (mit guten Chancen) vorbereitet, dann würde er Deutsch lernen wollen und nach Köln fahren, um sich bei den Menschen zu bedanken, die ihm das ermöglicht haben!

Am zweiten Tag sind wir noch einmal mindestens eineinhalb Stunden gefahren. Die Straßen waren fast bis zuletzt verhältnismäßig gut; seit 1995 arbeitet die Regierung verstärkt am Ausbau der Infrastruktur; gebaut werden außerdem Häuser für Bedürftige und Brunnen – das Ganze gehört zu einem umfassenderen Projekt zur Armutsbekämpfung. In dem Ort, wo wir (natürlich mit Reporter und lokalen Vertretern) schließlich ankamen, war davon freilich noch nicht viel zu sehen; der Regen der letzten Nacht hatte den Weg in zwei Schlammrinnen mit tiefen Löchern verwandelt. In diesem Ort konnte ich die Schultoilette besichtigen, die mit unserer Finanzierung renoviert wurde und die neuen Schultische und –stühle. Sehr positiv fand ich, dass die Möbel von Bauern bzw. Arbeitern der Umgebung hergestellt wurden – damit hat das Geld gleich doppelt seinen Zweck erfüllt.

Während des Besuchs hatte ich Gelegenheit, mich mit einem sehr netten 16jährigen Mädchen zu unterhalten, das extra vorbei gekommen war und damit bestätigte, was He Yao schon erklärt hatte. Für die Kinder bedeutet es sehr viel, wenn sie diejenigen treffen, die ihnen mit den Spendengeldern eine Chance auf ein besseres Leben geben. Sie bedauerte deshalb auch, dass die Zeit nicht für mehr Besuche reichte – ich ebenso. Das Mädchen erzählte mir, dass sie sehr gut in der Schule sei und gern Badminton spiele und hoffe, mal auf eine höhere Schule gehen zu können. Ihren Hände sah man ihr schweres Leben an – sie sahen alt aus von harter Arbeit. Wie ich später erfuhr, lebt sie mit ihren zwei jüngeren Schwestern, den Großeltern und Urgroßeltern zu siebt in einem Haus; die Eltern sind an AIDS gestorben.

Vera verteilt KuscheltiereAbschließend muss ich noch einmal betonen, dass mich das Team von Save the Children in Fuyang nachhaltig beeindruckt hat. Die Liebe und Geduld, die He Yao und Xu Qifeng jedem Kind entgegen bringen, ist schwer zu beschreiben, lässt sich aber vielleicht an dem Vertrauen ermessen, das ihnen dafür entgegen gebracht wird. Angesichts der Tatsache dass jeder der vier Mitarbeiter im letzten Jahr etwa 60 Tage mehr als im Vertrag vorgesehen gearbeitet hat – mithin praktisch jedes Wochenende – brauchen sie aber ganz dringend Verstärkung!

Mit herzlichen Grüßen aus China, Vera Lehmann 

 
 
Top! Top!